Mittwoch, 29. April 2020

Let’s talk about Sex

Mag. Beatrix Roidinger ist Sexual-und Paarberaterin, klinische Sexologin und arbeitet mit ihrer Kollegin Mag. Barbara Zuschnig in freier Praxis in Wien. Im Gespräch mit Mag. Caroline Korneli wurde schnell klar, dass es beim Thema Sexualität um die wichtigste Beziehung des Lebens geht - die Beziehung zu sich selbst.

Let’s talk about Sex

Wie erkenne ich, ob ich vielleicht mal mit jemanden über Sex reden sollte?

Eros ist Teil der Lebensenergie, die sich genauso wie die eigene Persönlichkeit im Laufe des Lebens immer weiter entwickelt. Probleme auch im sexuellen Bereich verschwinden leider nicht von selbst. Wenn ich daher merke, es beschäftigt mich etwas und ich finde selbst keine Antwort oder Gespräche mit meiner Partnerin oder meinem Partner enden in Streit und Zurückweisungen, dann kann man sich beratende Unterstützung suchen. Man kann es mit einem coaching z.b. im Beruf vergleichen. Manchmal braucht es den Blick von außen, eine neue Information, diese kann den Stress, den man sich oft selber macht, verringern.

Wir leben in so einer offenen Welt. Wieso kommen Menschen dann dennoch zu Ihnen, um über Sex zu reden?

Die Vielfalt der Möglichkeiten Sexualität zu leben und erleben, kann genauso schwierig für Menschen sein, wie das Gegenteil. Mittlerweile kommen sehr oft jüngere Menschen, im Alter zwischen 20 und 30 Jahren, zu mir, die von der Vielfalt der sexuellen Möglichkeiten, Entwicklungen wie Polyamorie und vielfach auch von den eigenen Erwartungen an Sexualität, überfordert sind. Sie fragen sich:
Wie will ich leben? Wie soll mein Sex sein? Was erfüllt mich? In den Sitzungen gehen wir dann diesen Fragen nach.

Welche Probleme oder Herausforderungen führen noch dazu, dass professionelle Hilfe gesucht wird?

Was Menschen beschäftigt ist natürlich individuell, dennoch gibt es einige Themen, die sehr häufig vorkommen. Zum einen Unterschiede im Begehren bzw. Lustlosigkeit in Beziehungen, das ist häufig. Ebenso Erektionsprobleme oder Angst sexsüchtig zu sein, weil man eben mehr Sex haben möchte als der Partner oder die Partnerin. Ein Thema, das auch viele Menschen zu mir führt, sind Affären. Jetzt in letzter Zeit besonders oft auch Polyamorie bzw. der Stellenwert von Verbindlichkeit in Beziehungen. Eine Beratung kann hier Raum bieten, um zu erforschen, welche Bedürfnisse man wirklich hat und wie man diese ausleben kann. Es ist mir ein wichtiges Anliegen hier Unterstützung zu bieten.

Wenn man sich all das anhört, komme ich nicht umhin zu fragen: Ist Sex kompliziert geworden?

Komplizierter, würde ich nicht sagen. Er ist nur medial präsenter geworden. Das frühere Tabu „Wie genau macht ihr es?“ rückt jetzt immer mehr in den Fokus. Ich kann mir jederzeit unzählige Arten von Sex ansehen, kann sie ausprobieren und für mich entdecken. Sexualität wurde daher mit Sicherheit für viele Menschen bewusster und alles was bewusster wird, wird automatisch auch komplexer. In weiterer Folge kann Sex dadurch aber auch besser und befriedigender werden.

Wie sieht ein gesundes Sexualleben aus?

Ein gesundes Sexualleben hat man, wenn ich mir meiner eigenen Bedürfnisse bewusst bin und diese kommunizieren kann. Dazu gehört auch, dass ich mit mir selbst eins bin, mich und meinen Körper annehme. Ungesund ist alles, was meine eigenen Grenzen überschreitet, egal ob mein Partner sie nicht beachtet oder ich selbst meine Grenzen ignoriere. Safe, sane und consensual sind hier wichtige Schlagworte.

Wie erkenne ich, ob etwas mir sexuell nicht gut tut?

Wie bei anderen Belastungen, so ist es auch in der Sexualität, wenn Gedanken kreisen, Grübeln, Scham, Selbstentwertung. Gerade in der Sexualität sind da die Reaktionen des Körpers oft schneller. Die Menschen spüren z.B. Lustlosigkeit oder bekommen Erektionsprobleme. Der Körper reagiert hier früher, als wir uns unsere Unzufriedenheit bewusst zugestehen wollen. In der Beratung finden wir heraus, was den Klienten /die Klientin unzufrieden macht. Der Partner? Die Art, wie der Sex funktioniert? Vielleicht wird ein Teil der Sexualität nicht ausgelebt?

Kann man eine Sexual- und Beziehungsberatung auch alleine absolvieren?

Das kommt auf die Problemstellung an. Sexualität und Erregung beginnt aber stets bei einem selbst. In der Beratung können wir daran arbeiten, Erregungsmuster zu erkennen, so dass diese Muster auch in der Beziehung verändert werden können. Viele Klientinnen und Klienten kommen in die Beratung, um sich selbst besser kennen zu lernen. Es ist mir sehr wichtig hier nochmal zu betonen: Sexualität findet nicht nur in Paarbeziehungen statt. Um ein befriedigendes Sexualleben zu haben, ist es in erster Linie wichtig, sich selbst besser kennen zu lernen und lernen die eigene Sexualität anzunehmen, um sie ausleben zu können.

Mag. Beatrix Roidinger und Mag. Barbara Zuschnig arbeiten in freier Praxis in 1100 Wien. Alle Informationen finden Sie hier https://paarberatung-sexualberatung.at/

Über die AutorIn
Caroline Korneli

Redakteurin

Schlagworte Grenzen